Zum Inhalt springen
Permakultur gestalten

Vielfalt nutzen und wertschätzen

Redaktionsteam Terra HumanaZuletzt aktualisiert: 2026-10-168 Min. Lesezeit

Vielschichtige Mischpflanzung am Mittelmeer mit Feige, Zitrus, Olive, Granatapfel und blühenden Kräutern

Kurz gesagt

Das zehnte der zwölf Permakultur-Prinzipien von Holmgren: Viele Arten, Sorten und Verbindungen verteilen das Risiko und nutzen jeden Ort am besten.

Was das Prinzip sagt

Vielfalt nutzen und wertschätzen, im Original use and value diversity, ist das zehnte der zwölf Gestaltungsprinzipien von David Holmgren. Sein Kern ist einfach: Vielfalt macht ein System weniger verwundbar gegenüber den vielen Dingen, die schiefgehen können, und sie erlaubt ihm, alles Besondere an seinem Ort zu nutzen. Ein Feld mit einer einzigen Kultur beantwortet eine Frage gut. Ein vielfältiges System hält viele Antworten bereit, auch für Fragen, an die niemand gedacht hat.

Vielfalt hat mehrere Schichten. Da ist die Vielfalt der Arten, die sichtbarste. Da ist die Vielfalt innerhalb einer Art: die vielen Sorten von Bohnen, Weizen oder Oliven, die Bauern über Jahrhunderte ausgelesen haben, jede passend zu einem anderen Boden, einer anderen Höhenlage, einem anderen Geschmack. Da ist die Vielfalt im Raum, wenn Pflanzen unterschiedlicher Höhe und Wurzeltiefe denselben Boden teilen, und die Vielfalt in der Zeit, wenn Kulturen einander über das Jahr ablösen oder eine Pflanzung die Stufen der Sukzession durchläuft. Und da ist die kulturelle Vielfalt: viele Esskulturen, Fertigkeiten und Denkweisen, die für sich genommen ein Vorrat an Antworten sind.

Das Prinzip sagt auch wertschätzen, und auf dieses Wort kommt es an. Ein großer Teil der Vielfalt der Welt besteht schon und verschwindet leise. Nach Angaben der FAO werden rund 6.000 Pflanzenarten für die Ernährung angebaut, doch weniger als 200 tragen nennenswert zur Nahrungserzeugung bei, und nur neun liefern 66 Prozent der gesamten Pflanzenproduktion. Vielfalt wertschätzen heißt, zu schützen, was noch da ist, die alten Sorten, die Hecken, die wilden Winkel, bevor man Neues hinzufügt.

Vielfalt im Sinne der Permakultur ist keine lange Namensliste. Bill Mollison betonte, dass die Zahl der nützlichen Verbindungen zwischen den Teilen zählt, und die Seite zu Mollisons Gestaltungsregeln zeigt, wie nah sich die beiden Gründer in diesem Punkt sind.

Vielfalt nutzen und wertschätzenLehrtafel zu Prinzip 10 von 12: Vielfalt nutzen und wertschätzen. Sprichwort: Nicht alle Eier in einen Korb legen. Ein Korb oder viele: Eine Dürre trifft zwei Pflanzungen. Bei einer einzigen Kultur welkt alles, und es bleibt kaum etwas zum Zurückgreifen. Bei vielen Arten mit tiefen und flachen Wurzeln welken manche, andere übernehmen ihre Rolle. Vielfalt verhindert keine schlechten Jahre. Sie verhindert, dass ein schlechtes Jahr zum Zusammenbruch wird. Worauf man achtet: nützliche Verbindungen zählen, keine lange Namensliste; Unterschiede, die sich ergänzen, also tiefe und flache Wurzeln, hohe und niedrige Pflanzen, frühe und späte Blüten; Vielfalt hat Schichten, Arten, Sorten, Raum, Zeit und Kultur; erst schützen, was da ist, alte Sorten, Hecken, wilde Winkel. Im TerraWiki wirkt das Prinzip bei Polykultur, Pflanzengilde, Waldgarten, syntropischer Landwirtschaft, Klimabäumen und Bodenleben. TERRAWIKI · LEHRTAFEL · PRINZIP 10 VON 12 Vielfalt nutzenund wertschätzen Sprichwort: „Nicht alle Eier in einen Korb legen“ 10 1EIN KORB ODER VIELE eine Kultur viele Arten eine Dürre tiefflach kaum etwas zum Zurückgreifen andere übernehmen ihre Rolle Vielfalt verhindert keine schlechten Jahre.Sie verhindert, dass ein schlechtes Jahr zum Zusammenbruch wird. 2WORAUF MAN ACHTET nützliche Verbindungen zählen, keine lange NamenslisteUnterschiede, die sich ergänzen: tiefe und flache Wurzeln,hohe und niedrige Pflanzen, frühe und späte BlütenVielfalt hat Schichten: Arten, Sorten, Raum, Zeit, Kulturerst schützen, was da ist: alte Sorten, Hecken, wilde Winkel 3WO ES IM TERRAWIKI WIRKT PolykulturPflanzengildeWaldgartenSyntropische LandwirtschaftKlimabäumeBodenleben Grundlage: David Holmgren, Permaculture: Principles and Pathways Beyond Sustainability (2002)

Das alte Sprichwort: Nicht alle Eier in einen Korb legen

Holmgren stellt diesem Prinzip das Sprichwort don't put all your eggs in one basket zur Seite. Im Deutschen kennt man es fast wörtlich: Man soll nicht alle Eier in einen Korb legen. Gängiger ist die Wendung, nicht alles auf eine Karte zu setzen. Wer alles in einem Korb trägt, verliert alles, wenn dieser Korb fällt. Die Geschichte kennt die bäuerliche Fassung davon. In der irischen Hungersnot der 1840er Jahre lebten viele arme Landbewohner fast nur von der Kartoffel, und ein großer Teil der Ernte bestand aus einer einzigen Sorte, der Lumper. Als die Kraut- und Knollenfäule kam, gab es kaum etwas, worauf man zurückgreifen konnte. Die Hungersnot hatte auch soziale und wirtschaftliche Ursachen, doch die fehlende Vielfalt auf den Feldern war ein Grund, warum der Schlag so hart traf.

Ökologen haben dem Sprichwort einen wissenschaftlichen Namen gegeben. Die Versicherungshypothese, 1999 von Shigeo Yachi und Michel Loreau dargelegt, beschreibt, wie eine Gemeinschaft vieler Arten in einer schwankenden Umwelt weiter funktioniert: Wenn die Bedingungen manchen Arten schaden, werden andere begünstigt und übernehmen ihre Rolle. Vielfalt verhindert keine schlechten Jahre. Sie verhindert, dass ein schlechtes Jahr zum Zusammenbruch wird.

Wie es in der Natur aussieht

Ein Langzeitversuch in Cedar Creek in Minnesota gab eines der klarsten Bilder. David Tilman und John Downing begleiteten Grünlandflächen mit unterschiedlich vielen Pflanzenarten durch eine schwere Dürre Ende der 1980er Jahre. Je mehr Arten eine Fläche trug, desto weniger Pflanzenmasse verlor sie in der Dürre und desto vollständiger erholte sie sich danach. Die artenarmen Flächen waren keine kleineren Ausgaben der artenreichen, sie waren zerbrechlicher.

Die Natur zeigt auch, dass Vielfalt vom Unterschied lebt. In einer klassischen Studie in nordamerikanischen Fichtenwäldern fand Robert MacArthur mehrere Waldsängerarten in denselben Bäumen, jede auf Nahrungssuche in einem anderen Teil der Krone. Sie teilen einen Lebensraum, weil sie ihn verschieden nutzen. Eine Mischpflanzung arbeitet genauso: Tiefe und flache Wurzeln holen Wasser aus verschiedenen Schichten, hohe und niedrige Pflanzen fangen Licht in verschiedenen Höhen, frühe und späte Blüten nähren Bestäuber über die ganze Saison.

Wuchsstarke Neuankömmlinge gehören zu diesem Bild. Wo Menschen Land gestört haben, kommen oft zuerst robuste Pionierarten, die nackten Boden bedecken und Biomasse aufbauen. Terra Humana sieht in ihnen eine Lösungsstrategie der Natur und eines der größten Potenziale für eine rasche Renaturierung, sofern man sie lenkt und später Schritt für Schritt durch die Zielarten ersetzt. Arten der EU-Unionsliste invasiver gebietsfremder Arten verwendet Terra Humana nie.

Wo das Prinzip im TerraWiki wirkt

Diese Seiten zeigen Vielfalt bei der Arbeit, jede auf ihre Weise:

  • Polykultur: Viele Kulturen auf derselben Fläche teilen sich Licht, Wasser und Boden und verteilen Ertrag wie Risiko.
  • Pflanzengilde: eine kleine Gemeinschaft um einen zentralen Baum, gebaut aus Mitgliedern, die füreinander Verschiedenes leisten.
  • Waldgarten: Vielfalt in Schichten, vom hohen Baum bis zur Bodendecke, mit Ernten über das ganze Jahr.
  • Syntropische Landwirtschaft: Arten unterschiedlicher Lebensdauer werden zusammen gesetzt, Vielfalt in der Zeit geordnet.
  • Saatgutkreislauf: Saatgut gewinnen und teilen hält örtliche Sorten am Leben und lässt sie sich an einen Ort anpassen.
  • Klimabäume: eine Mischung zu pflanzen statt auf eine Art zu setzen, ist eine Versicherung gegen ein ungewisses Klima.
  • Bodenleben und Mykorrhiza: die Vielfalt unter der Erde, die die sichtbare Vielfalt ernährt.
  • Pionierpflanzen und stickstoffbindende Pflanzen: die ersten Mitglieder eines vielfältigen Systems, die den Boden für die folgenden vorbereiten.
  • Reconciliation Ecology: Vielfalt, die in das Land eingebaut wird, das Menschen nutzen, nicht nur in Schutzgebiete.

Auf Sa Medada

Sa Medada ist ein Hang in Jerzu, in der Ogliastra an der Ostseite Sardiniens, mit milden Wintern und einer Trockenzeit, die etwa von Mai bis September dauert. Vielfalt war schon vor dem Projekt Eden da: der alte Olivenhain und die Macchie an den steileren Hängen mit ihren vielen Hartlaubsträuchern.

Das Projekt Eden fügt ihr etwas hinzu, ohne auf eine einzige Kultur zu setzen. Banane, Mango, Avocado, Guave, Cherimoya, Papaya, Passionsfrucht, Litschi, Monstera, Moringa, Tulsi, Kaki und Zitrus wachsen im Freiland. Schwarze und Weiße Sapote, Baumtomate, Indianerbanane, Drachenfrucht, Feige, Kirsche, Apfel, Aprikose, Surinamkirsche und Feijoa stehen im Topf oder sind teils ausgepflanzt, und der erste Baum, ein Speierling, wurde 2024 an der sehr heißen Südflanke gepflanzt. Unter den Stickstoffbindern in der Erde sind Tephrosia, der Korallenbaum, Inga edulis, Pacay, Bambara-Erdnuss, Ackerbohne und Leucaena. Ertragszahlen nennen wir keine.

Das vorige Prinzip, Kleine und langsame Lösungen nutzen, hält Veränderung in einem Maß, dem Menschen folgen können. Das nächste, Ränder nutzen und das Randständige wertschätzen, schaut auf die Orte, an denen die Vielfalt am reichsten ist: die Ränder zwischen einer Welt und der nächsten.

Pflanzen in diesem Beitrag

Häufige Fragen

Was bedeutet „Vielfalt nutzen und wertschätzen“ in der Permakultur?

Es ist das zehnte der zwölf Gestaltungsprinzipien, die David Holmgren 2002 formulierte (englisch use and value diversity). Es besagt, dass ein System aus vielen verschiedenen Arten, Sorten und Beziehungen weniger verwundbar ist als eines, das an einer einzigen Kultur, einer einzigen Quelle oder einer einzigen Idee hängt. Vielfalt verteilt das Risiko, und sie erlaubt einer Gestaltung, jeden besonderen Winkel eines Ortes zu nutzen: die feuchte Senke, den heißen Hang, den Schatten unter einem Baum. Vielfalt wertschätzen heißt, sie dort zu schützen, wo sie schon besteht, und sie zu mehren.

Welches Sprichwort gehört zu diesem Prinzip?

Holmgren stellt ihm das englische don't put all your eggs in one basket zur Seite. Im Deutschen sagt man: Man soll nicht alle Eier in einen Korb legen, oder kürzer: nicht alles auf eine Karte setzen. Wer alles in einem Korb trägt, verliert alles, wenn dieser Korb fällt. Ein Hof, der von einer Kultur, einem Abnehmer oder einer Wasserquelle abhängt, ist in derselben Lage. Mehrere kleinere Quellen, von denen jede ausfallen kann, ohne das Ganze mitzureißen, geben einem Haushalt oder einer Landschaft den Spielraum, ein schlechtes Jahr zu überstehen.

Sind mehr Arten immer besser?

Nicht von selbst. Die Permakultur fragt nach nützlichen Verbindungen, nicht nach einer langen Namensliste. Eine zufällige Mischung von Pflanzen, die um dasselbe Wasser und dasselbe Licht konkurrieren, kann schlechter abschneiden als ein gut gewähltes Paar. Eine Pflanzengilde funktioniert, weil ihre Mitglieder Verschiedenes tun: Eine bindet Stickstoff, eine holt Mineralien aus der Tiefe, eine beschattet den Boden, eine nährt Bestäuber. Vielfalt lohnt sich, wenn sich die Unterschiede ergänzen, und die Aufgabe des Gestalters ist, solche Verbindungen für einen bestimmten Ort zu finden.

Zählen eingeführte oder sogenannte invasive Pflanzen zur Vielfalt?

Terra Humana sieht wuchsstarke Neuankömmlinge als Teil der natürlichen Antwort auf gestörten Boden. Wo Menschen eine Landschaft geschädigt haben, bedecken solche Pflanzen oft den Boden, bauen Biomasse auf und bereiten anderen den Weg, und sie bieten großes Potenzial für eine rasche Renaturierung, wenn man sie lenkt und später durch die Zielarten ersetzt. David Holmgren argumentiert in seinem Aufsatz Weeds or wild nature (2011) in eine ähnliche Richtung. Eine Grenze ist für uns fest: Arten der EU-Unionsliste invasiver gebietsfremder Arten verwenden wir nie.

Wie setzt Terra Humana dieses Prinzip auf Sa Medada um?

Das Projekt Eden setzt nicht auf eine einzige Kultur. Banane, Mango, Avocado, Guave, Cherimoya, Papaya, Passionsfrucht, Litschi, Moringa, Kaki und Zitrus wachsen im Freiland, weitere Arten wie Feige, Aprikose und Feijoa stehen im Topf oder sind teils ausgepflanzt. Mehrere Stickstoffbinder stehen in der Erde, darunter Tephrosia, der Korallenbaum, Inga edulis und Leucaena. Der alte Olivenhain und die Macchie an den steileren Hängen gehören zu dieser Vielfalt. Ertragszahlen nennen wir keine.

Ein Flussdelta von oben im Abendlicht, dessen Arme sich wie ein Baum über nassen Sand und Marsch verzweigenNächster in dieser ThemenweltVom Muster zum Detail gestaltenHolmgrens siebtes Prinzip der Permakultur: erst die großen Muster eines Ortes erkennen, die Gestaltung darauf bauen und die Details nach und nach füllen.

Verwandte Begriffe

Erwähnt auf

In der Praxis erleben

Weiterlesen in der Welt

Frei zugängliche Quellen, die wir zum Vertiefen empfehlen.

Quellen

  • David Holmgren, Permaculture: Principles and Pathways Beyond Sustainability, Holmgren Design Services (2002, überarbeitete Ausgabe Melliodora Publishing 2017)
  • Holmgren Design, Principle 10: Use and value diversity, permacultureprinciples.com (abgerufen Oktober 2026)
  • FAO, Kommission für genetische Ressourcen für Ernährung und Landwirtschaft, The State of the World's Biodiversity for Food and Agriculture, Rom (2019)
  • Tilman und Downing, Biodiversity and stability in grasslands, Nature 367, S. 363-365 (1994)
  • Yachi und Loreau, Biodiversity and ecosystem productivity in a fluctuating environment: the insurance hypothesis, PNAS 96, S. 1463-1468 (1999)
  • Bill Mollison, Permaculture: A Designers' Manual, Tagari Publications (1988)

Zuletzt aktualisiert: 2026-10-16