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Boden und Leben

Bodenleben (Bodennahrungsnetz)

Redaktionsteam Terra HumanaZuletzt aktualisiert: 2026-10-128 Min. Lesezeit

Schnitt durch lebendigen Oberboden mit Wurzeln, weißen Pilzfäden und einem Regenwurm unter einer Laubschicht

Kurz gesagt

Die Gesamtheit der Lebewesen im Boden, von Bakterien und Pilzen bis zu Milben und Regenwürmern. Sie verdauen totes Material und machen daraus Pflanzennahrung.

Was ist Bodenleben?

Gesunder Boden gehört zu den am dichtesten besiedelten Orten der Erde. Ein Teelöffel fruchtbarer Erde enthält zwischen hundert Millionen und einer Milliarde Bakterien, dazu Meter an Pilzfäden, Tausende Einzeller, ein Dutzend und mehr Fadenwürmer und hier und da eine Milbe, einen Springschwanz oder den Gang eines Regenwurms. Die Bodenkunde nennt diese Gemeinschaft das Bodennahrungsnetz, im Englischen Soil Food Web, weil ihre Mitglieder dadurch verbunden sind, wer wen frisst.

Am Anfang stehen die Lebewesen, die von totem Material leben: Bakterien und Pilze, die Laub, abgestorbene Wurzeln und Dung auflösen. Von ihnen ernähren sich Einzeller und Fadenwürmer. Diese wiederum werden von Milben, Springschwänzen und räuberischen Fadenwürmern gefressen, und so weiter bis zu Käfern, Hundertfüßern, Maulwürfen und Vögeln. Regenwürmer, Asseln und Tausendfüßer zerkleinern grobes Material und mischen es in den Boden ein. Das Netz ist keine Leiter, sondern ein dichtes Geflecht, und gerade seine Vielfalt hält es stabil.

Das Verdauungssystem,der NaturLehrtafel: Das Bodenleben ist das Verdauungssystem der Natur, es verdaut totes Material zu Pflanzennahrung. Eine Pflanze kann kein heruntergefallenes Blatt aufnehmen, die Nährstoffe stecken darin in großen Molekülen. Pilze und Bakterien zerlegen das Material mit Enzymen Schritt für Schritt, bis die Nährstoffe in mineralischer Form frei werden, die Mineralisierung. Einzeller und Fadenwürmer fressen Bakterien und scheiden den überschüssigen Stickstoff als Ammonium aus, vor allem rund um die Wurzeln. An der Wurzel findet ein Tausch statt: Die Pflanze gibt Zucker, Aminosäuren und organische Säuren in die Rhizosphäre ab, die Mikroben dort schließen Nährstoffe aus Mineralen und organischem Material auf. Die Pflanze füttert ihre Darmflora, und die Darmflora füttert die Pflanze. Geschwächt wird die Verdauung, wenn der Pflug Pilzfäden zerreißt, durch Fungizide und durch viel löslichen Phosphor, unter dem Pflanzen weniger in ihre Pilzpartner investieren. Dann muss die Nahrung vorverdaut von außen kommen. Umkehren lässt sich das langsam, durch dauernde Bodenbedeckung, viele verschiedene Wurzeln und so wenig Störung wie möglich. Ohne diese Verdauung würde ein Wald an seinem eigenen Laub ersticken und zugleich verhungern. TERRAWIKI · LEHRTAFEL Das Verdauungssystemder Natur Das Bodenleben verdaut totes Material zu Pflanzennahrung. 1WIE DER BODEN VERDAUT 1 Ein Blatt fällt Keine Wurzel kann es aufnehmen:die Nährstoffe stecken in großen Molekülen. 2 Pilze und Bakterien zerlegen es mit Enzymen, Schritt für Schritt, bis zurmineralischen Form: Mineralisierung 3 Weidegänger setzen frei Einzeller und Fadenwürmer fressen Bakterienund scheiden Ammonium aus, vor allemrund um die Wurzeln. 2EIN TAUSCH AN DER WURZEL Zucker, Aminosäuren,organische Säuren Nährstoffe aus Mineralenund organischem Material Rhizosphäre Die Pflanze füttert ihre Darmflora,und die Darmflora füttert die Pflanze. 3WENN DIE VERDAUUNG LEIDET Geschwächtder Pflug zerreißtPilzfädenFungizideviel löslicher Phosphor:weniger PilzpartnerNahrung mussvorverdaut vonaußen kommenLangsam umkehrendauerndeBodenbedeckungviele verschiedeneWurzelnso wenig Störungwie möglich Ohne diese Verdauung würde ein Wald an seinemeigenen Laub ersticken und zugleich verhungern. Grundlage: Soil Biology Primer, USDA NRCS (2000) · TerraWiki: Bodenleben

Das Verdauungssystem der Natur

Am klarsten versteht man das Bodenleben, wenn man es als Magen und Darm einer Landschaft sieht. Eine Pflanze kann kein heruntergefallenes Blatt essen. Stickstoff, Phosphor und Schwefel stecken darin in großen organischen Molekülen, die keine Wurzel aufnehmen kann. Die Verdauung übernimmt das Bodenleben. Pilze und Bakterien zerlegen das Material mit ihren Enzymen Schritt für Schritt, bis die Nährstoffe in einfacher mineralischer Form frei werden. Die Bodenkunde nennt das Mineralisierung. Was der Magen für ein Tier leistet, leistet der Boden für die ganze Pflanzengemeinschaft.

Ein zweiter Schritt macht das Bild noch treffender. Bakterien speichern in ihren Körpern viel Stickstoff, mehr als die Einzeller und Fadenwürmer brauchen, die sie abweiden. Fressen diese Weidegänger Bakterien, scheiden sie den Überschuss als Ammonium aus, und zwar vor allem dort, wo Bakterien am dichtesten sitzen: rund um die Wurzeln. Die Nährstoffe werden genau dort frei, wo die Pflanze sie aufnehmen kann.

Die Pflanze ist dabei kein passiver Gast. Über ihre Wurzeln gibt sie Zucker, Aminosäuren und organische Säuren in den Boden ab, einen beträchtlichen Teil dessen, was ihre Blätter erzeugen. Damit füttert sie eine wimmelnde Gemeinschaft in der dünnen Zone um jede Wurzel, der Rhizosphäre. Die Mikroben dort schließen Nährstoffe aus Mineralen und organischem Material auf, und die Pflanze nimmt sie auf. Einfach gesagt: Die Pflanze füttert ihre Darmflora, und die Darmflora füttert die Pflanze.

Zwei Partnerschaften erweitern dieses System. Mykorrhizapilze wachsen in die Wurzeln der meisten Landpflanzen hinein und spinnen ein Fadennetz weit über den Wurzelraum hinaus, aus dem sie Phosphor und Wasser zurückbringen, im Tausch gegen Zucker und Fette. Mehr dazu unter Mykorrhiza. Und Knöllchenbakterien in Hülsenfrüchtlern holen Stickstoff direkt aus der Luft, die Grundlage der stickstoffbindenden Pflanzen.

Wie jedes Bild hat auch dieses eine Grenze: Ein Magen hat einen Ort, das Bodenleben dagegen ist in jedem Krümel Erde verteilt. Die Aufgabe aber ist dieselbe. Ohne diese Verdauung würde ein Wald an seinem eigenen Laub ersticken und zugleich verhungern. Mit ihr ernähren sich Wälder und Wiesen seit Jahrmillionen, ohne dass jemand düngt. Nebenbei baut das Bodenleben Humus auf und verklebt mineralische Teilchen zu den Krümeln, die dem Boden sein Gefüge geben.

Das Wood Wide Web: was belegt ist und was nicht

1997 veröffentlichte die Zeitschrift Nature einen Feldversuch der kanadischen Waldökologin Suzanne Simard: Kohlenstoff war von Birken zu Douglasien gewandert, offenbar über gemeinsame Mykorrhizapilze. Das Titelblatt sprach vom „Wood Wide Web“, und das Bild ging um die Welt. Seither erzählen Bücher und Filme von Bäumen, die sich über Pilze unterhalten, einander warnen und ihren Nachwuchs ernähren.

Hier lohnt es sich, Belegtes und Vermutetes zu trennen. Fest belegt ist der Tausch zwischen Pflanze und Pilz: Die Pflanze liefert Kohlenstoff, der Pilz liefert Wasser und Nährstoffe. Gezeigt ist auch, dass die Fäden eines Pilzes mehrere Pflanzen verbinden können und dass in Versuchen Stoffe zwischen Pflanzen übergehen. Umstritten ist alles, was darüber hinausgeht. 2023 haben drei Mykorrhizaforscher die Feldstudien in Nature Ecology & Evolution überprüft. Ihr Ergebnis: Wie verbreitet solche Netze in Wäldern sind und ob die Übertragung den Sämlingen tatsächlich hilft, ist nicht ausreichend belegt. Für die Behauptung, Mutterbäume versorgten bevorzugt ihren Nachwuchs, fanden sie keinen einzigen begutachteten Nachweis. Zudem stellten sie fest, dass unbelegte Aussagen in der Fachliteratur über 25 Jahre häufiger geworden sind.

Das macht das Pilzgeflecht nicht weniger bedeutend. Es ist nur klug, es für das zu bewundern, was es nachweislich leistet. Es bleibt die wichtigste Versorgungsleitung zwischen Boden und Pflanze, gerade auf trockenem Grund.

Wie das Bodenleben geschwächt wird und warum dann Dünger nötig wird

Mineraldünger hat seine eigene Geschichte. In den 1840er Jahren zeigte der Chemiker Justus von Liebig, dass Pflanzen Nährstoffe in mineralischer Form aufnehmen. Damit war der Grundstein für den Mineraldünger gelegt, und mit dem Haber-Bosch-Verfahren, ab 1913 industriell genutzt, wurde Stickstoffdünger zur Massenware. Das Ziel war, zu ersetzen, was die Ernte vom Feld trägt, und eine wachsende Bevölkerung zu ernähren.

Was die Forschung heute zeigt, ist ein anderer, sich selbst verstärkender Kreislauf. Ist löslicher Phosphor reichlich vorhanden, investieren viele Pflanzen weniger in ihre Pilzpartner: Eine Metaanalyse von Feldversuchen fand unter Phosphordüngung im Mittel rund ein Drittel weniger Mykorrhizapilze. Eine europäische Studie an 150 Getreidefeldern ergab, dass Mykorrhizapilze aus Ackerböden den Pflanzen deutlich weniger Phosphor lieferten als Pilze aus Grünland; unter den Ackerböden erklärte der Einsatz von Fungiziden am besten, wie viel Phosphor die Pilze noch lieferten. Der Pflug zerreißt die Pilzfäden, und Untersuchungen quer durch Europa zeigen, dass intensive Nutzung das Bodennahrungsnetz ausdünnt, wobei die größeren Bodentiere zuerst verschwinden.

Zusammengenommen entsteht eine Spirale. Je schwächer die Verdauung des Bodens, desto weniger liefert er von selbst, und desto mehr Nährstoffe müssen aus dem Sack kommen. Je bequemer die Nährstoffe aus dem Sack kommen, desto weniger braucht die Pflanze ihre Partner unter der Erde. Im Bild des Magens: Wo die Verdauung beschädigt ist, muss die Nahrung vorverdaut von außen kommen. Die Spirale lässt sich umdrehen, aber langsam, durch dauernde Bodenbedeckung, viele verschiedene Wurzeln und so wenig Störung wie möglich.

Wie Terra Humana das Bodenleben versteht

Für Terra Humana ist das Bodenleben kein Nebenthema der Renaturierung, sondern ihr Motor. Was ein Hang später tragen soll, wird zuerst unter der Erde verdaut. Deshalb lautet die wichtigste Frage auf ausgelaugtem Land nicht, welchen Dünger es braucht, sondern wie sein Bodenleben wieder an die Arbeit kommt.

Daraus folgen die praktischen Entscheidungen: den Boden nie nackt lassen, Schnittgut als Mulch auf die Oberfläche zurückgeben, so wenig wie möglich graben, viele Arten mit unterschiedlichen Wurzeln pflanzen und auf synthetische Fungizide verzichten. Neu ist daran nichts. So haben Wälder sich immer ernährt.

Das Tal von Sa Medada bei Jerzu, Sardinien, mit Olivenhain und Macchie

Sa Medada

So sieht das bei uns aus

Sa Medada liegt an der Ostseite Sardiniens, mit einer Trockenzeit von Mai bis September. In diesen Monaten ruht das Bodenleben weitgehend, und nackter Boden heizt sich in der Sonne auf. Projekt Eden beginnt deshalb mit Pionierpflanzen, Bodenbedeckung und Wasserrückhalt: Ein beschatteter, bedeckter und feuchterer Boden schenkt seinen Bewohnern mehr Wochen im Jahr, in denen sie arbeiten können.

Mehr über Projekt Eden

Häufige Fragen

Was ist Bodenleben?

Bodenleben ist die Gemeinschaft aller Organismen, die im Boden leben und einander fressen: Bakterien, Pilze, Einzeller, Fadenwürmer, Milben, Springschwänze, Regenwürmer und viele mehr. Ein Teelöffel fruchtbarer Erde enthält zwischen hundert Millionen und einer Milliarde Bakterien. Gemeinsam zerlegen diese Lebewesen Laub, Wurzeln und tote Tiere und geben die darin gebundenen Nährstoffe in einer Form frei, die Pflanzen aufnehmen können. Der Fachbegriff Bodennahrungsnetz beschreibt, wer unter der Erde wen frisst, und erklärt, warum lebendiger Boden Pflanzen ohne Dünger ernähren kann.

Wie bekommen Pflanzen Nährstoffe ohne Dünger?

Über das Bodenleben, das ähnlich wie ein Verdauungsapparat arbeitet. Pilze, Bakterien und Bodentiere zerlegen totes organisches Material in seine Bausteine und setzen Stickstoff, Phosphor, Schwefel und andere Elemente in mineralischer Form frei. Die Pflanze wirkt aktiv mit: Über ihre Wurzeln gibt sie Zucker und andere Stoffe ab, die Mikroben rund um die Wurzel füttern, und diese machen ihr im Gegenzug Nährstoffe verfügbar. Mykorrhizapilze verlängern das Wurzelwerk und holen Phosphor und Wasser aus größerer Entfernung. Knöllchenbakterien binden Stickstoff aus der Luft. So wachsen Wälder und Wiesen seit Jahrmillionen.

Was ist das Wood Wide Web, und stimmt das?

Wood Wide Web ist ein populärer Name für Netze aus Mykorrhizapilzen, die die Wurzeln mehrerer Pflanzen verbinden können. Dass Pflanze und Pilz Zucker gegen Wasser und Nährstoffe tauschen, ist fest belegt. In Versuchen wurde auch gezeigt, dass Kohlenstoff über Pilzverbindungen von einem Baum zum anderen gelangen kann. Weitergehende Aussagen sind umstritten: Eine Übersichtsarbeit in Nature Ecology & Evolution kam 2023 zu dem Schluss, dass nicht ausreichend belegt ist, wie verbreitet solche Netze in Wäldern sind, und dass es für Mutterbäume, die gezielt ihren Nachwuchs versorgen, keinen begutachteten Nachweis gibt.

Schaden Fungizide und Dünger dem Bodenleben?

Studien zeigen, dass sie es schwächen können. Eine europäische Untersuchung von 150 Getreidefeldern ergab, dass Mykorrhizapilze aus diesen Böden den Pflanzen weniger Phosphor lieferten als Pilze aus Grünland, und unter den Ackerböden erklärte der Fungizideinsatz die Unterschiede am besten. Eine Metaanalyse von Feldversuchen ergab, dass Phosphordüngung die Menge der Mykorrhizapilze im Mittel um rund ein Drittel verringerte, Stickstoffdüngung um etwa fünfzehn Prozent. Intensive Bodenbearbeitung und Nutzung verarmen das Bodennahrungsnetz. Je schwächer diese Biologie wird, desto mehr Nährstoffe müssen von außen kommen.

Ist das Bodenleben im trockenen Mittelmeersommer aktiv?

Weitgehend nicht. Die meisten Bodenorganismen brauchen Feuchtigkeit, um tätig zu sein, und so ruht das Bodenleben in der mediterranen Trockenzeit über Monate, besonders in nacktem, sonnenverbranntem Boden. Viele Lebewesen überdauern als Sporen, Zysten oder in Ruhestadien und erwachen mit den ersten Herbstregen. Schatten und eine Mulchschicht halten den Oberboden kühler und feuchter und verlängern die Zeit, in der das Bodenleben arbeiten kann. Auch deshalb ist Bodenbedeckung auf trockenem Land die erste Maßnahme.

Tiefe Traktorspuren in einem nassen Acker, in denen das Regenwasser stehen bleibtNächster in dieser ThemenweltBodenverdichtungDer Verlust von Porenraum durch Druck, etwa von Maschinen, Hufen oder Füßen. Verdichteter Boden lässt weniger Wasser und Luft ein und versperrt Wurzeln den Weg.

Verwandte Begriffe

Erwähnt auf

In der Praxis erleben

Quellen

  • Ann Tugel, Ann Lewandowski, Deb Happe-vonArb (Hg.), Soil Biology Primer, USDA NRCS und Soil and Water Conservation Society (2000)
  • Suzanne Simard u. a., Net transfer of carbon between ectomycorrhizal tree species in the field, Nature 388 (1997)
  • Justine Karst, Melanie Jones, Jason Hoeksema, Positive citation bias and overinterpreted results lead to misinformation on common mycorrhizal networks in forests, Nature Ecology & Evolution 7 (2023)
  • Kathleen Treseder, A meta-analysis of mycorrhizal responses to nitrogen, phosphorus, and atmospheric CO2 in field studies, New Phytologist 164 (2004)
  • Anna Edlinger u. a., Agricultural management and pesticide use reduce the functioning of beneficial plant symbionts, Nature Ecology & Evolution 6 (2022)
  • Maria Tsiafouli u. a., Intensive agriculture reduces soil biodiversity across Europe, Global Change Biology 21 (2015)

Zuletzt aktualisiert: 2026-10-12