Kurz gesagt
Das erste der zwölf Permakultur-Prinzipien von David Holmgren: einen Ort genau beobachten, in kleinen Schritten mitwirken und seine Antwort lesen.
Was das Prinzip sagt
Beobachten und mitwirken, im Original observe and interact, ist das erste der zwölf Gestaltungsprinzipien, die David Holmgren in Permaculture: Principles and Pathways Beyond Sustainability (2002) dargelegt hat. Im Deutschen liest man es auch als „beobachten und handeln“; „mitwirken“ trifft besser, dass ein wechselseitiges Eingreifen gemeint ist: Der Mensch wirkt auf den Ort, und der Ort wirkt zurück. Es steht nicht zufällig am Anfang. Alle anderen Prinzipien setzen voraus, dass man den Ort kennt, an dem man sie anwendet, und dieses Wissen lässt sich weder aus einem Buch kaufen noch von einem anderen Hof abschreiben. Es wächst aus Aufmerksamkeit.
Das Prinzip hat zwei Hälften, und die zweite wiegt so schwer wie die erste. Beobachten heißt, einen Ort lange genug und aus genügend Blickwinkeln anzuschauen, um seine Muster zu erkennen: wohin das Wasser bei Gewitter geht, wo die Wintersonne verweilt, wo Wind und Frost ankommen, was wächst, ohne gepflanzt worden zu sein. Mitwirken heißt, dass dieses Schauen nicht der ferne Blick eines Vermessers bleibt. Der Gestalter gräbt, pflanzt, mulcht, wartet und sieht zu, wie das Land antwortet. Jeder kleine Eingriff wird zu einer Frage, und die Reaktion von Boden, Pflanzen und Tieren ist die Antwort, die den nächsten Schritt bestimmt.
Bill Mollison sagte es in Introduction to Permaculture (1991) schlicht: Permakultur sei eine Philosophie des langen, nachdenklichen Beobachtens statt langer, gedankenloser Arbeit. Eine Swale am falschen Ort, ein Teich, der sich nie füllt, ein Baum, den die Sommersonne verbrennt: Die meisten solchen Fehler sind Fehler des Nicht-Hinschauens.
Das alte Sprichwort: Schönheit liegt im Auge des Betrachters
Holmgren stellt diesem Prinzip das Sprichwort beauty is in the eye of the beholder zur Seite, auf Deutsch: Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Für eine Gestaltungsregel wirkt das zunächst seltsam. Gemeint ist, dass wir nie neutral beobachten. Wir bringen unsere Werte, unsere Ausbildung und unsere Gewohnheiten mit, und sie entscheiden, was wir bemerken und was wir übersehen.
Ein Gärtner, der gelernt hat, Ordnung zu sehen, erkennt vielleicht nur eine verwahrloste Ecke, wo ein Brombeergestrüpp Vögeln Schutz bietet und eine Böschung zusammenhält. Ein Landwirt, der Unkraut als Feind betrachtet, übersieht womöglich, dass ein dichter Bestand einer bestimmten Pflanze ihm etwas über Verdichtung oder Nährstoffe erzählt. In der Natur, so formuliert es die Prinzipienseite von Holmgren Design, sind die Dinge einfach verschieden und nicht richtig oder falsch. Gutes Beobachten versucht, das Urteil so lange zurückzuhalten, bis man verstanden hat, was etwas tut, und erst dann zu entscheiden, was es wert ist. Mit derselben Haltung blickt Holmgren in seinem Aufsatz Weeds or Wild Nature auf schnell sich ausbreitende Pflanzen: zuerst auf ihre Arbeit in der Landschaft, dann auf ihre Herkunft.
Wie es in der Natur aussieht
Jedes Lebewesen beobachtet auf seine Weise und wirkt mit. Wurzeln wachsen zur Feuchtigkeit hin und weichen trockenen oder verdichteten Schichten aus. Junge Sonnenblumen folgen tagsüber der Sonne von Osten nach Westen und drehen sich nachts zurück nach Osten; eine Studie aus der Arbeitsgruppe von Stacey Harmer zeigte, dass eine innere Uhr diese Bewegung steuert und dass Pflanzen, die man am Mitdrehen hinderte, weniger wuchsen. Die reifen Blütenköpfe halten still und schauen nach Osten, wo die Morgensonne sie früh erwärmt.
Ganze Pflanzengemeinschaften reagieren ebenso. Wird Boden freigelegt, kommen zuerst Pionierpflanzen, und welche es sind, verrät viel über den Grund. Ein Waldrand verschiebt sich mit den feuchteren und trockeneren Jahren. Nichts in einer lebendigen Landschaft geschieht ohne Rückmeldung, und die Permakultur bittet den Gestalter, sich in diesen Austausch einzureihen, statt ihn zu übergehen.
Wo das Prinzip im TerraWiki wirkt
Beobachten ist keine einzelne Technik, sondern der Anfang jeder Technik. Diese Seiten zeigen es bei der Arbeit:
- Zeigerpflanzen: Was von selbst aufwächst, ist der erste Bericht über Boden, Wasser und Störung, wenn man ihn lesen lernt.
- Spatenprobe: Ein Spatenstich zeigt Gefüge, Wurzeln, Bodenleben und Verdichtung besser als jede Vermutung von oben.
- Fingerprobe: Eine feuchte Bodenkugel zwischen den Fingern unterscheidet in einer Minute Sand, Schluff und Ton.
- Bodenanalyse: Das Labor ergänzt Zahlen zu dem, was die Sinne nahelegen, und das Beobachten sagt, wo man die Proben nimmt.
- Sukzession: Wer weiß, welche Stufe ein Stück Land erreicht hat, sieht, welche Pflanzen es als Nächstes tragen kann.
- Macchie: Die mediterrane Buschlandschaft zeigt Pflanze für Pflanze, was an trockenen Hängen ohne Hilfe gedeiht.
- Keyline-Design: P. A. Yeomans begann mit der Form des Landes und seinen Höhenlinien, bevor er entschied, wohin das Wasser gehen soll.
- Brad Lancaster: Das erste seiner acht Prinzipien der Regenwassernutzung ist langes, nachdenkliches Beobachten, und das letzte führt dorthin zurück.
Auf Sa Medada
Sa Medada ist ein Hang in Jerzu, in der Ogliastra an der Ostseite Sardiniens, mit milden Wintern und einer Trockenzeit, die etwa von Mai bis September dauert. Viel Beobachtung beginnt auf Karten. Eine LiDAR-Feuchtekarte zeigt eine vergleichsweise trockene Hauptfläche und feuchtere Rinnen an den Rändern. Die Planung auf Sa Medada arbeitet mit solchen Karten, die Wasserwege, Sonnenlauf und Hangneigung zeigen. Swales sind geplant, gebaut ist noch keine.
Das Mitwirken geschieht in kleinen Schritten. Der erste Baum, ein Speierling, wurde 2024 an einer sehr heißen Südflanke gepflanzt, und Banane, Mango, Avocado, Cherimoya, Papaya, Moringa und Zitrus werden im Mikroklima erprobt. Wie sie zurechtkommen, gehört zu dem, was das Land uns erzählt. Eine Laboranalyse des Bodens gibt es noch nicht, und deshalb machen wir über Humus und Nährstoffe keine Aussagen, solange sie fehlt.
Das nächste Prinzip, Energie einfangen und speichern, baut auf dem auf, was das Beobachten zeigt: wo das Land zu einer Jahreszeit mehr bekommt, als es braucht, und wo sich dieser Überschuss für magere Monate halten lässt.
Pflanzen in diesem Beitrag
Häufige Fragen
Was bedeutet „beobachten und mitwirken“ in der Permakultur?
Es ist das erste der zwölf Gestaltungsprinzipien, die David Holmgren 2002 formuliert hat (englisch observe and interact). Es verlangt, einen Ort genau kennenzulernen, bevor man ihn verändert: wohin das Wasser läuft, wo die Sonne hinfällt, woher der Wind kommt, was von selbst wächst. Mitwirken heißt, dass Beobachten nicht passiv bleibt. Man verändert etwas im Kleinen, schaut, wie das Land reagiert, und lässt diese Antwort den nächsten Schritt bestimmen. So wird Gestaltung zu einem Gespräch mit dem Ort statt zu einem Plan, der ihm übergestülpt wird.
Wie lange sollte man beobachten, bevor man anfängt?
Viele Permakultur-Lehrer raten, einen vollen Jahreslauf abzuwarten, bevor man große oder teure Eingriffe wagt, etwa Erdarbeiten, Teiche oder Baumpflanzungen. Eine einzelne Jahreszeit verbirgt vieles, was zählt: Staunässe im Winter, Hitze im Sommer, den Weg der tief stehenden Wintersonne. Das heißt nicht, ein Jahr lang nichts zu tun. Kleine, umkehrbare Schritte wie ein paar Beete, Mulch oder eine Probepflanzung gehören zum Beobachten, weil sie zeigen, wie der Ort reagiert.
Welches Sprichwort gehört zu diesem Prinzip?
Holmgren stellt ihm das alte Wort zur Seite, dass Schönheit im Auge des Betrachters liegt. Es erinnert daran, dass wir immer durch unsere eigenen Werte und Gewohnheiten schauen. Was der eine Unkraut, Schmuddelecke oder Problem nennt, kann aus anderem Blickwinkel ein Zeichen dafür sein, was der Boden braucht, oder eine Ressource, die auf ihre Nutzung wartet. In der Natur sind die Dinge eher verschieden als richtig oder falsch, und gutes Beobachten versucht, sie zuerst so zu sehen.
Was kann ich im eigenen Garten beobachten?
Am besten während und nach einem starken Regen über das Grundstück gehen und nachsehen, wo sich Wasser sammelt, wo es abläuft und wo es versickert. Dazu notieren, wo Frost oder Hitze sich halten, wo der Tau am längsten liegt, welche Pflanzen von selbst kommen und wie sich der Boden anfühlt, wenn man einen Spaten tief gräbt. Jeden Monat dieselben Stellen vom selben Punkt aus fotografieren. Ein schlichtes Heft mit Datum ist mehr wert als jede App, denn Muster zeigen sich erst über die Zeit.
Wie wendet Terra Humana dieses Prinzip auf Sa Medada an?
Sa Medada ist ein im Sommer trockener Hang in Jerzu auf Sardinien. Bevor das Land gestaltet wird, liest Terra Humana es: Eine LiDAR-Feuchtekarte zeigt eine vergleichsweise trockene Hauptfläche und feuchtere Rinnen an den Rändern. Swales sind geplant, aber noch nicht gebaut, und eine Laboranalyse des Bodens gibt es noch nicht, deshalb machen wir über den Boden selbst keine Aussagen. Pflanzen wie Banane, Mango und Avocado werden im Mikroklima erprobt, und wie sie sich halten, ist Teil der Beobachtung.

Verwandte Begriffe






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Frei zugängliche Quellen, die wir zum Vertiefen empfehlen.
- WebsitePermaculture Principles: Observe and interactpermacultureprinciples.com
- BuchDavid Holmgren: Essence of Permaculture (free summary, many languages)permacultureprinciples.com
- WebsiteBrad Lancaster: The eight water-harvesting principlesharvestingrainwater.com
- WebsitePermaculture Association: Design methodspermaculture.org.uk
- KursFAO: Global Farmer Field School Platformfao.org
Quellen
- David Holmgren, Permaculture: Principles and Pathways Beyond Sustainability, Holmgren Design Services (2002, überarbeitete Ausgabe Melliodora Publishing 2017)
- Holmgren Design, Principle 1: Observe and interact, permacultureprinciples.com (abgerufen Oktober 2026)
- David Holmgren, Weeds or wild nature: a permaculture perspective, Plant Protection Quarterly 26(3), S. 92 bis 97 (2011)
- Bill Mollison, Introduction to Permaculture, Tagari Publications (1991)
- Brad Lancaster, Rainwater Harvesting for Drylands and Beyond, Bd. 1: Guiding Principles, Rainsource Press (2006, 3. Auflage 2019)
- Atamian, Creux, Brown, Garner, Blackman und Harmer, Circadian regulation of sunflower heliotropism, floral orientation, and pollinator visits, Science 353, S. 587 bis 590 (2016)
Zuletzt aktualisiert: 2026-10-16






