Kurz gesagt
Bäume wachsen aus den lebenden Stöcken, Wurzeln und Samen nach, die schon im Feld sind: Bauern wählen kräftige Triebe, schneiden und schützen sie.
Was FMNR ist und wozu es dient
Die bauerngeführte natürliche Regeneration, englisch Farmer Managed Natural Regeneration oder kurz FMNR, holt Bäume zurück, ohne sie zu pflanzen. Sie beginnt bei etwas, das man leicht übersieht: Auf vielen gerodeten Feldern sind die Bäume nicht verschwunden. Ihre Wurzeln leben unter der Erde weiter und treiben jedes Jahr aus, und die Triebe werden wieder geschnitten, verbissen oder abgebrannt. Auch Samen warten im Boden. FMNR lässt einen ausgewählten Teil dieses Austriebs wieder zu Bäumen werden, durch Auswahl, Schnitt und Schutz.
Erarbeitet hat das Verfahren der australische Agrarwissenschaftler Tony Rinaudo Anfang der 1980er Jahre in der Region Maradi in Niger, gemeinsam mit Bauern vor Ort, nachdem die meisten seiner gepflanzten Setzlinge eingegangen waren. Die lebenden Wurzeln unter den Feldern nannte er einen unterirdischen Wald. FMNR dient der Wiederbegrünung von Trockengebieten und jedem Hof, der Bäume zwischen seinen Kulturen haben will: für Schatten, Brennholz, Futter, Früchte, Laubstreu und Windschutz, ohne Baumschule, Transport oder Gießen.
In der Sprache der Permakultur ist FMNR eine Lehre im Prinzip Kleine und langsame Lösungen nutzen: ein Stock, ein Feld, eine Saison nach der anderen, mit dem, was das Land schon in sich trägt. Es folgt auch der Sukzession. Die Pflanzen, die zuerst zurückkommen, sind die, die den Ort kennen.
Wie man es anwendet, Schritt für Schritt
Der FMNR Hub von World Vision fasst das Verfahren in fünf Schritte: finden, schneiden, schützen, wachsen lassen, nutzen. In der Praxis sieht das so aus.
- Finden. Das Feld abgehen, am besten in der Trockenzeit, wenn die Triebe sich abheben. Die lebenden Stöcke und jungen Sämlinge markieren und die Arten notieren. Im Haushalt oder im Dorf klären, welche Bäume gewünscht sind und wofür: Brennholz, Futter, Früchte, Schatten oder Boden.
- Stöcke wählen. Nicht jeder Stock wird ein Baum. Nach dem FMNR Hub lassen Bauern in Niger im Schnitt etwa 40 Bäume je Hektar stehen, manche bis zu 150; der WOCAT-Eintrag für Maradi nennt 50 bis 100 Bäume je Hektar als beste Dichte zwischen Getreide. Am besten sind Arten mit tiefen Wurzeln, die den Kulturen wenig Konkurrenz machen. Für Maradi nennt der WOCAT-Eintrag Faidherbia albida, Piliostigma reticulatum und Guiera senegalensis.
- Triebe wählen. An jedem Stock einige der höchsten und geradesten Triebe behalten; WOCAT empfiehlt etwa fünf. Den Rest abschneiden und als Futter nutzen oder als Mulch liegen lassen.
- Schneiden. Die Seitenäste der gewählten Triebe bis etwa zur halben Höhe entfernen, mit scharfem Werkzeug und glatten Schnitten. Alle zwei bis sechs Monate wiederholen, wie es der FMNR Hub und die Right Livelihood Foundation beschreiben, damit die Hauptstämme schneller und gerader wachsen.
- Schützen. Die gewählten Triebe mit Farbe oder einem Stoffstreifen kennzeichnen, damit jeder sieht, dass sie geschont werden. Weidetiere fernhalten, nach dem FMNR Hub am besten sechs Monate bis ein Jahr, und die jungen Bäume vor Feuer bewahren.
- Im Wechsel nutzen. Der Schnitt liefert vom ersten Jahr an Brennholz. Steht der Bestand, kann ein Bauer jedes Jahr einen Trieb ernten und einen neuen an seine Stelle wachsen lassen, wie WOCAT es für Niger beschreibt. Der Stock bleibt lebendig und liefert weiter.
Das Werkzeug ist einfach: eine geschärfte Axt oder Machete, eine Markierfarbe und vor allem die Abmachung unter den Menschen, die das Land nutzen.
Ein Beispiel aus der Welt: der Süden Nigers
In den 1970er Jahren versuchte Niger, den Verlust der Bäume durch Pflanzungen aufzuhalten. Nach National Geographic wurden sechzig Millionen Bäume gepflanzt, und weniger als ein Fünftel überlebte. Die Wende kam von den Feldern selbst. Ab den 1980er Jahren begannen immer mehr Bauern, die Triebe auf ihrem Land zu schützen, statt sie abzuschlagen. In ihrer Studie von 2009 schätzten Chris Reij, Gray Tappan und Melinda Smale, dass Bauern auf diese Weise rund fünf Millionen Hektar im Süden Nigers wieder begrünt hatten; die Right Livelihood Foundation spricht von mehr als 200 Millionen Bäumen. Es sind Schätzungen aus dem Vergleich von Luftbildern und Satellitenaufnahmen mit Zählungen im Feld, keine Vollerhebung. Nach dem Agroforstforscher Jules Bayala, zitiert von Mongabay, stammen etwa 95 Prozent der Bäume aus Stöcken.
Getragen hat die Ausbreitung weniger die Technik als ein anderer Blick. Bäume auf dem Feld galten nicht mehr als Konkurrenten der Hirse, sondern als Partner, und das Verfahren breitete sich dort aus, wo die Menschen sicher sein konnten, dass ihnen die Bäume auf ihrem Land zugutekommen. Dieselbe Studie von Reij und Kollegen stellt die Wiederbegrünung Nigers neben die Arbeit von Yacouba Sawadogo in Burkina Faso, der in seinen Zaï-Pflanzgruben Bäume aus den Samen im Mist wachsen ließ und die Sämlinge schützte. Nach dem FMNR Hub von World Vision wurde es seither in mehr als 30 Ländern aufgenommen; die Right Livelihood Foundation sprach 2018 von mindestens 25.
Typische Fehler
- Erst roden. Wer ein Feld vor der Saat abbrennt oder die Stöcke ausgräbt, zerstört den unterirdischen Wald, von dem FMNR lebt.
- Zu viele Triebe, zu viele Bäume. Viele Triebe an einem Stock bleiben dünn, ein zu dichter Bestand beschattet die Kulturen. Bäume später zu ergänzen ist leichter, als sie wieder zu entfernen.
- Zu hoch aufgeastet. Die Anleitung sagt: Seitenäste bis etwa zur halben Stammhöhe entfernen. Die Krone darüber ernährt den Baum.
- Schutz durch einen allein. Eine einzige Ziegenherde oder ein Holzsammler kann die Arbeit von Jahren zunichtemachen. Der Schutz hält nur, wo sich die Nachbarn einig sind.
- Ungeduld. Die ersten Jahre zeigen Triebe, keine Bäume. Wer nach einer Saison wieder schneidet, verschenkt den Vorsprung, den die Wurzeln geben.
Im TerraWiki weiter
- Tony Rinaudo: der Mann, der den unterirdischen Wald sah und das Verfahren verbreitete.
- Yacouba Sawadogo und die Zaï-Pflanzgrube: erst Wasser und Mist, danach die Bäume aus dem Samenvorrat.
- Wiederbegrünung und Desertifikation: die größere Aufgabe, der FMNR dient.
- Kleine und langsame Lösungen nutzen: das Prinzip dahinter.
- Sukzession, Pionierpflanzen und Ammenbäume: wie der Austrieb den Boden für das Folgende bereitet.
- Agroforstwirtschaft und Silvopastorales System: Bäume, Kulturen und Tiere auf demselben Land, wobei die Beweidung gelenkt werden muss, damit junge Bäume überleben.
- Die drei Ethiken der Permakultur: „Für die Erde sorgen“, „Für die Menschen sorgen“ und „Gerecht teilen“, hier in Gestalt von Abmachungen im Dorf.
FMNR auf Sa Medada
Sa Medada ist ein Hang in Jerzu, in der Ogliastra auf der Ostseite Sardiniens. An den steileren Hängen wachsen Macchie, und es gibt einen alten Olivenhain. Eine Übersicht des Ökologen Juli Pausas und seiner Kollegen zählt die Strauchlandschaften und Eichenwälder des Mittelmeers zu den Ökosystemen, die sich nach Feuer gut erholen; viele ihrer Gehölze treiben wieder aus, oft aus Teilen unter der Erde, und die Steineiche gehört dazu. Das ist das Ausgangsmaterial, mit dem FMNR arbeitet. Projekt Eden beginnt mit Pionierpflanzen, Bodenbedeckung und Wasserrückhalt. Es pflanzt auch: Der erste Baum, ein Speierling, kam 2024 an der sehr heißen Südflanke in die Erde.
Häufige Fragen
Was ist bauerngeführte natürliche Regeneration?
Die bauerngeführte natürliche Regeneration, englisch Farmer Managed Natural Regeneration oder kurz FMNR, holt Bäume zurück, ohne sie zu pflanzen. Auf vielen gerodeten Feldern leben die Wurzeln früherer Bäume weiter und treiben jedes Jahr aus; die Triebe werden wieder geschnitten, verbissen oder abgebrannt. FMNR lässt einen Teil dieses Austriebs zu Bäumen werden: Die Bauern wählen an jedem Stock die kräftigsten Triebe, entfernen die übrigen, schneiden die Seitenäste und schützen die jungen Bäume vor Tieren und Feuer. Erarbeitet hat das Verfahren der australische Agrarwissenschaftler Tony Rinaudo Anfang der 1980er Jahre in Niger, gemeinsam mit Bauern vor Ort.
Wie viele Triebe lässt man an einem Stock stehen?
Wenige. Der WOCAT-Eintrag für die Region Maradi in Niger empfiehlt, an jedem Stock etwa fünf der höchsten und geradesten Triebe zu behalten und die übrigen abzuschneiden. Wenige kräftige Triebe wachsen schneller als viele dünne. Steht der Bestand einmal, kann ein Bauer jedes Jahr einen Trieb für Holz ernten und einen neuen an seine Stelle wachsen lassen, so bleibt der Stock in Nutzung. Die Angabe ist ein Anfang, keine Regel: Die Bauern entscheiden selbst, wie viele Triebe und Bäume zu ihrem Feld und ihrem Bedarf passen.
Wie viel Land hat FMNR in Niger begrünt?
Die Zahlen sind Schätzungen. In ihrer Studie von 2009 schätzten Chris Reij, Gray Tappan und Melinda Smale, dass Bauern im Süden Nigers rund fünf Millionen Hektar wieder begrünt hatten, vor allem, indem sie natürlichen Austrieb schützten und pflegten. Die Right Livelihood Foundation spricht von mehr als 200 Millionen Bäumen und etwa 2,5 Millionen Menschen, die davon profitieren. National Geographic nannte 2022 mindestens zwölf Millionen Acres, das sind knapp fünf Millionen Hektar. Wie viel der Veränderung allein auf FMNR zurückgeht, lässt sich nicht genau trennen.
Warum ist FMNR billiger als Pflanzen?
Weil die teuersten und riskantesten Schritte des Pflanzens entfallen. Es gibt keine Baumschule, keinen Transport von Setzlingen und kein Gießen durch die ersten Trockenzeiten. Die Wurzeln sind schon im Boden und reichen an die Feuchte in der Tiefe, deshalb wachsen die Triebe schnell. Die Right Livelihood Foundation beziffert die Kosten auf etwa 20 US-Dollar je Hektar. Was FMNR stattdessen braucht, sind Arbeit für den Schnitt, Geduld und die Abmachung unter Nachbarn, dass die gewählten Bäume vor Axt und Herde geschont werden.
Gelingt FMNR auch außerhalb der Sahelzone?
Das hängt davon ab, ob noch lebende Wurzeln oder Samen im Boden sind. Nach Angaben des FMNR Hub von World Vision wurde das Verfahren in mehr als 30 Ländern aufgenommen. In den Strauchlandschaften und Eichenwäldern des Mittelmeers treiben viele Gehölze nach Feuer oder Schnitt wieder aus, oft aus dem Wurzelhals, das Ausgangsmaterial ist also oft vorhanden. Wo das Land viele Jahre gepflügt wurde oder die Wurzeln abgestorben sind, bleibt wenig zu verjüngen, und Pflanzen oder Säen muss vorangehen.

Verwandte Begriffe






Erwähnt auf
In der Praxis erleben
Weiterlesen in der Welt
Frei zugängliche Quellen, die wir zum Vertiefen empfehlen.
- WebsiteWhat is FMNR (World Vision, FMNR Hub)fmnrhub.com.au
- WebsiteTony Rinaudo, laureate 2018 (Right Livelihood Foundation)rightlivelihood.org
- WebsiteFarmer-managed natural regeneration: the fastest way to restore trees to degraded landscapes (Mongabay)news.mongabay.com
- WebsiteHow farmers in Earth's least developed country grew 200 million trees (National Geographic)nationalgeographic.com
Quellen
- Chris Reij, Gray Tappan und Melinda Smale, Agroenvironmental Transformation in the Sahel: Another Kind of Green Revolution, IFPRI Discussion Paper 00914 (2009)
- Right Livelihood Foundation, Tony Rinaudo, Seite des Preisträgers (Preis 2018, abgerufen Oktober 2026)
- World Vision Australia, FMNR Hub, What is FMNR, fmnrhub.com.au (abgerufen Oktober 2026)
- WOCAT, Farmer Managed Natural Regeneration, Niger, Eintrag in der WOCAT-Technologiedatenbank (abgerufen Oktober 2026)
- Katarina Höije und Craig Welch, How farmers in Earth's least developed country grew 200 million trees, National Geographic (27. April 2022)
- Juli G. Pausas, Joan Llovet, Anselm Rodrigo und Ramon Vallejo, Are wildfires a disaster in the Mediterranean basin? A review, International Journal of Wildland Fire 17, 713 bis 723 (2008)
Zuletzt aktualisiert: 2026-10-16