Kurz gesagt
Australischer Agrarwissenschaftler, der in Niger den „unterirdischen Wald“ lebender Baumstümpfe entdeckte und die bäuerliche Naturverjüngung verbreitete.
- Geboren
- 19. Januar 1957 in Wangaratta, Australien
- Ausbildung
- Agrarwissenschaftler (Rural Science, University of New England)
- Wirkungsort
- Region Maradi, Niger, 1981 bis 1999; danach weltweit mit World Vision
- Bekannt für
- bäuerlich gelenkte Naturverjüngung (FMNR)
- Buch
- The Forest Underground, Australian Christian Book of the Year 2022
- Ehrungen
- Right Livelihood Award (2018), Member of the Order of Australia (2019)
Wer ist Tony Rinaudo?
Tony Rinaudo hat gelernt, einen Wald zu sehen, wo andere nur kahle Felder sahen. In der Region Maradi in Niger erkannte er Anfang der 1980er Jahre, dass die struppigen Büsche, die über das Ackerland verstreut waren, gar keine Büsche waren, sondern Bäume: immer wieder abgeschlagen und doch in ihren Wurzeln lebendig. Aus dieser Einsicht und aus Jahren geduldiger Arbeit mit Bauern entstand die bäuerlich gelenkte Naturverjüngung, englisch Farmer Managed Natural Regeneration (FMNR), eine der erfolgreichsten Methoden der Wiederbegrünung von Trockengebieten.
Er ist Agrarwissenschaftler von Ausbildung und Praktiker aus Überzeugung. Die entscheidenden Akteure waren für ihn immer die Bauern, nicht die Fachleute. Seine eigene Rolle sah er darin, Menschen sehen zu helfen, was schon zu ihren Füßen lag.
Lebensweg
Rinaudo wurde am 19. Januar 1957 in Wangaratta, Victoria, geboren und wuchs im ländlichen Australien auf. Er studierte Agrarwissenschaft (Rural Science) an der University of New England in Armidale und besuchte danach ein Bibelkolleg in Neuseeland. 1981 ging er für die Missionsorganisation Serving in Mission nach Niger, um im Kampf gegen die Desertifikation zu helfen.
Der Anfang war ernüchternd. Er pflanzte Bäume, und die meisten gingen ein: an Trockenheit, an Weidetieren, an mangelnder Pflege. 1983 hielt er zwischen zwei Dörfern am Straßenrand an, sah sich einen der niedrigen Büsche genauer an und erkannte darin einen Baum, der aus seinem Stumpf wieder austrieb. Wie er es später ausdrückte, lag unter den Feldern ein unterirdischer Wald: ein riesiges Netz lebender Wurzeln, das auf seine Gelegenheit wartete.
Im selben Jahr bot er einer Handvoll Familien Lebensmittel dafür an, dass sie Bäume auf ihren Feldern nachwachsen ließen. Viele gaben 1984 auf und schlugen die Triebe wieder ab, doch wer durchhielt, erntete besser. Während der Hungersnot von 1984 machte ein Programm seiner Mission, Lebensmittel gegen Arbeit, nach Angaben der Right Livelihood Foundation rund 70.000 Menschen auf etwa 12.500 Hektar Ackerland mit der Methode vertraut.
Die Idee
FMNR ist einfach. Statt Setzlinge in einer Baumschule zu ziehen und auszupflanzen, arbeitet der Bauer mit dem, was schon da ist: lebenden Stümpfen, Wurzeln und Samen im Boden. Auf jedem Stock werden einige kräftige Triebe ausgewählt, die übrigen entfernt, und die gewählten Stämme werden geschnitten und geschützt. In wenigen Jahren wachsen sie zu Bäumen heran. Sie spenden Schatten, schützen den Boden vor Wind, werfen Laub ab, das den Boden nährt, und liefern Brennholz, Futter und Früchte, ohne dass der Baum stirbt.
Die Methode ist billig. Die Right Livelihood Foundation beziffert die Kosten auf rund 20 US-Dollar je Hektar. Ihr Kern ist aber nicht technisch. Er liegt in einem Wechsel des Blicks: Bäume auf dem Feld sind nicht länger Unkraut, das der Hirse Konkurrenz macht, sondern Partner, die das Feld ertragreicher machen. Wie Rinaudo sagte, wurde der eigentliche Kampf darum geführt, wie Menschen über Bäume dachten. Und sie hängt an Regeln, die im Dorf gemeinsam vereinbart werden: wer was schneiden und wer das Holz ernten darf. Wo Menschen sicher sein können, dass die Bäume auf ihrem Feld ihnen nützen, schützen sie sie.
Seine eigene Zusammenfassung ist kurz: Wer mit der Natur arbeitet, macht Wunder möglich.
Das Werk
Sein Hauptwerk ist die Wiederbegrünung des südlichen Niger, die er ab den 1980er Jahren mit Bauern in Gang setzte. Als er 1999 zu World Vision wechselte, trug er die Methode in die Welt. Heute wird sie nach Angaben der Right Livelihood Foundation in mindestens 25 Ländern angewandt, vor allem in Afrika. In seinem Buch The Forest Underground, das 2022 zum Australian Christian Book of the Year gewählt wurde, erzählt er die Geschichte dieser Jahrzehnte. Volker Schlöndorffs Dokumentarfilm Der Waldmacher, der im April 2022 in die deutschen Kinos kam, machte seine Arbeit einem breiten Publikum bekannt.
Was daraus wurde
Das Ausmaß der Veränderung in Niger ist bemerkenswert, und die Zahlen sind Schätzungen. Die Right Livelihood Foundation spricht von rund 5 Millionen Hektar und mehr als 200 Millionen Bäumen, von denen etwa 2,5 Millionen Menschen profitieren. Diese Zahlen gehen auf den Geographen Gray Tappan und Kollegen zurück, die Luftbilder von 1957 und 1975 mit neueren Aufnahmen verglichen und Baumdichten im Gelände schätzten; die groben Satellitenbilder der frühen Jahre konnten den Wandel gar nicht zeigen. Tappan hält 200 Millionen Bäume für eine niedrige Schätzung. Die Studie von Reij, Tappan und Smale aus dem Jahr 2009 zählt die Wiederbegrünung des südlichen Niger zu den großen bäuerlichen Umwälzungen des Sahel, neben den Zaï-Pflanzgruben Burkina Fasos.
2018 erhielt er den Right Livelihood Award dafür, in großem Maßstab gezeigt zu haben, wie Trockengebiete mit geringsten Kosten begrünt werden können. 2019 wurde er zum Member of the Order of Australia ernannt.
Was wir von Tony Rinaudo lernen
Terra Humana übernimmt von Tony Rinaudo die sparsamste Lehre der Renaturierung: zuerst ansehen, was schon wächst, bevor man irgendetwas pflanzt. An den Hängen von Sa Medada wächst Macchie, und viele Sträucher und Eichen des Mittelmeerraums treiben nach Schnitt oder Feuer aus dem Stock wieder aus. Diesen natürlichen Nachwuchs zu lenken, kräftige Triebe auszuwählen, sie vor Verbiss zu schützen und ihnen Zeit zu geben, kann billiger und standortgerechter sein als eine Pflanzung von Grund auf.
Wir übernehmen auch, dass Wiederherstellung zuerst eine Frage der Wahrnehmung und der Verabredung ist. Bäume überleben dort, wo die Menschen um sie herum sie wollen und wo klar ist, wer sich um sie kümmert. Und wir übernehmen seine Geduld. Ein unterirdischer Wald zeigt sich nicht in einer Saison; er braucht Jahre der Pflege, bevor man ihn sieht. Das ist die Art von Renaturierung, die wir üben wollen.
Häufige Fragen
Wer ist Tony Rinaudo?
Tony Rinaudo ist ein australischer Agrarwissenschaftler, geboren am 19. Januar 1957 in Wangaratta, Victoria. Ab 1981 arbeitete er für die Missionsorganisation Serving in Mission in der Region Maradi in Niger. Dort entwickelte er gemeinsam mit Bauern die Methode, die als Farmer Managed Natural Regeneration (FMNR) bekannt wurde, auf Deutsch etwa bäuerlich gelenkte Naturverjüngung. Seit 1999 arbeitet er für World Vision und hat die Methode in viele Länder getragen.
Was ist bäuerlich gelenkte Naturverjüngung?
FMNR lässt Bäume aus lebenden Stümpfen, Wurzeln und Samen nachwachsen, die schon im Boden sind, statt Setzlinge zu pflanzen. Auf jedem Stock wählt der Bauer einige kräftige Triebe aus, entfernt die übrigen und schneidet regelmäßig zurück. Brennholz, Futter, Früchte und Laub lassen sich ernten, ohne den Baum zu töten. Nach Angaben der Right Livelihood Foundation kostet die Methode rund 20 US-Dollar je Hektar.
Was ist der „unterirdische Wald“?
Es ist Rinaudos Bild für das Netz lebender Wurzeln, das unter den scheinbar kahlen Feldern Nigers lag. 1983 hielt er am Straßenrand an und erkannte, dass ein gewöhnlicher Busch in Wahrheit ein Baum war, der aus seinem Stumpf wieder austrieb. Die Bäume waren nicht verschwunden; sie wurden nur immer wieder abgeschlagen. Wurden die Triebe geschützt und gepflegt, konnten sie in wenigen Jahren wieder zu Bäumen werden.
Wie viel Land wurde in Niger wieder grün?
Die Zahlen sind Schätzungen. Die Right Livelihood Foundation spricht von rund 5 Millionen Hektar und mehr als 200 Millionen Bäumen in Niger, von denen etwa 2,5 Millionen Menschen profitieren, und von mindestens 25 Ländern, in denen die Methode angewandt wird. Die Schätzungen gehen auf den Geographen Gray Tappan und Kollegen zurück, die Luftbilder von 1957 und 1975 mit neueren Aufnahmen verglichen und Baumdichten im Gelände schätzten. Tappan hält 200 Millionen für eine niedrige Zahl. Wie viel der Begrünung allein auf FMNR zurückgeht, lässt sich nicht genau trennen.
Welche Ehrungen hat Tony Rinaudo erhalten?
2018 erhielt er den Right Livelihood Award dafür, in großem Maßstab gezeigt zu haben, wie Trockengebiete mit geringsten Kosten begrünt werden können. 2019 wurde er im Rahmen der Australia Day Honours zum Member of the Order of Australia (AM) ernannt, für bedeutende Verdienste um den Naturschutz als Wegbereiter internationaler Wiederbewaldung. Sein Buch The Forest Underground wurde 2022 zum Australian Christian Book of the Year gewählt. Volker Schlöndorffs Dokumentarfilm Der Waldmacher über ihn kam im April 2022 in die deutschen Kinos.

Verwandte Begriffe






Erwähnt auf
Quellen
- Right Livelihood Foundation, Tony Rinaudo, Preisträgerseite (Preis 2018)
- Höije, K. und Welch, C., How farmers in Earth's least developed country grew 200 million trees, National Geographic (27. April 2022)
- Reij, C., Tappan, G. und Smale, M., Agroenvironmental Transformation in the Sahel: Another Kind of Green Revolution, IFPRI Discussion Paper 00914 (2009)
- Australian Honours, Australia Day Honours 2019: Anthony Rinaudo AM; University of New England, Ehrenliste Australia Day 2019
- ISCAST, The Forest Underground by Tony Rinaudo wins 2022 Australian Christian Book of the Year (2. September 2022)
- Rinaudo, T., The Forest Underground: Hope for a Planet in Crisis, ISCAST, Victoria (2022)
- Schlöndorff, V., Der Waldmacher, Dokumentarfilm, Weltkino Filmverleih (Kinostart Deutschland 7. April 2022)
- World Vision, FMNR Hub, Farmer Managed Natural Regeneration (abgerufen Oktober 2026)
Zuletzt aktualisiert: 2026-10-14