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Wegbereiter

Ernst Götsch

Redaktionsteam Terra HumanaZuletzt aktualisiert: 2026-10-147 Min. Lesezeit

Dichte syntropische Pflanzreihen mit Bananen und Jungbäumen, der Boden bedeckt mit Schnittgut

Kurz gesagt

Schweizer Landwirt und Forscher, der in Bahia (Brasilien) die syntropische Landwirtschaft entwickelte: Nahrung durch beschleunigte Waldentwicklung.

Geboren
1948 in Raperswilen, Schweiz
Werdegang
Landwirt und Forscher in der Pflanzenzüchtung
Wirkungsort
Süd-Bahia, Brasilien, seit 1982
Bekannt für
syntropische Landwirtschaft
Hauptwerk
Fazenda Olhos d'Água, eine wiederbelebte frühere Kakaofarm
Schriften
Homem e Natureza: Cultura na Agricultura (1995)

Wer ist Ernst Götsch?

Ernst Götsch ist ein Landwirt, der denkt wie ein Wald. Geboren 1948 in Raperswilen im Kanton Thurgau als Sohn einer Bauernfamilie, zeigt er seit mehr als vier Jahrzehnten im Süden Bahias in Brasilien, dass Landwirtschaft ein Stück Land reicher hinterlassen kann, als sie es vorgefunden hat. Aus seiner Arbeit entstand die syntropische Landwirtschaft: Nahrung anbauen, indem man nachahmt und bewusst beschleunigt, wie sich ein Wald von selbst entwickelt.

Er nennt sich selbst Landwirt und Philosoph zugleich, und beides gehört zusammen. Seine Methode ist genau, fast streng in ihren Regeln für Abstände, Stockwerke und Rückschnitt. Dahinter steht eine einfache Überzeugung: Leben neigt dazu, sich aufzubauen, Energie zu sammeln und vielfältiger zu werden, und ein guter Landwirt arbeitet mit dieser Neigung, nicht gegen sie.

Lebensweg

Götsch begann in der Forschung. An der staatlichen landwirtschaftlichen Forschungsanstalt FAP Zürich-Reckenholz, heute Teil von Agroscope, arbeitete er in der Pflanzenzüchtung. Er fragte sich, ob man nicht mehr erreichen würde, wenn man Anbauweisen sucht, die das Gedeihen der Pflanzen begünstigen, und gelangte zur Überzeugung, dass die Antworten nicht aus dem Labor kommen würden. Er gab die Stelle auf und pachtete ab 1974 Flächen in der Schweiz und in Deutschland, um im Feld zu probieren. Er kombinierte Gemüse, Wurzeln und Getreide und suchte Verbindungen, in denen sich die Pflanzen gegenseitig helfen.

Es folgten Angebote aus dem Ausland. 1982 zog er mit seiner Familie nach Brasilien, auf ein Stück Land in Piraí do Norte im Süden Bahias. Nach brasilianischen Berichten trug der Hof damals den sprechenden Namen Fugidos da Terra Seca, sinngemäß „die vor dem trockenen Land Geflohenen“. Er war abgeholzt und aufgegeben worden, seine Böden galten als erschöpft.

Die Idee

Was Götsch dort tat, beschreibt der Artikel über die syntropische Landwirtschaft. In Kürze: Er pflanzt viele Arten zugleich, geordnet nach ihrem Platz in der Sukzession und nach ihrem Lichtbedarf. Schnellwüchsige Pionierpflanzen bedecken und beschatten den Boden und liefern Biomasse, während darunter langsamere Obst- und Holzbäume heranwachsen und später übernehmen. Alles wird dicht gepflanzt, in Reihen, in Stockwerken von der Bodendecke bis zu den höchsten Bäumen.

Die zweite Säule ist der Rückschnitt. Götsch schneidet kräftig und regelmäßig. Äste und Blätter bleiben als Mulch liegen, nähren das Bodenleben und schützen den Boden vor Sonne und Regen. Der Schnitt erneuert zugleich das Wachstum, weil eine geschnittene Pflanze dem ganzen System ein Signal der Verjüngung gibt. So wird Fruchtbarkeit nicht von außen hereingebracht, sie wächst von innen.

Daraus folgt sein Blick auf sogenannte Schädlinge und Unkräuter. Er liest sie als Botschaften: als Zeichen, dass eine Pflanze am falschen Ort steht oder dem System etwas fehlt. Die Antwort ist nicht der Kampf, sondern bessere Bedingungen. All das verbindet er mit dem Wasser. In Brasilien wird seine Arbeit oft mit dem Ausdruck „plantar água“ zusammengefasst, Wasser pflanzen: Eine lebendige, mehrstöckige Vegetation hält Feuchtigkeit im Boden, beschattet ihn und hilft Quellen, wieder zu fließen.

Das Werk

Sein Hauptwerk ist der Hof selbst. Anfang der 1990er Jahre übernahm er den Anteil seines Partners und benannte das Land in Fazenda Olhos d'Água um; das brasilianische Magazin Believe.Earth bezieht den Namen auf die 14 Quellen, die er auf dem Gelände fand. Über die Jahre wurde aus dem ausgelaugten Boden wieder ein Wald, in dem Kakao zwischen vielen anderen Arten wächst. Der Hof ist inzwischen ein Lernfeld, auf dem Menschen aus vielen Ländern sehen, wie die Prinzipien im Gelände wirken.

Geschrieben hat Götsch wenig. Sein wichtigster Text ist die Schrift Homem e Natureza: Cultura na Agricultura, 1995 vom Centro Sabiá in Recife herausgegeben, nach einem Besuch bei Kleinbauern in Pernambuco; 1996 gab AS-PTA in Rio de Janeiro eine weitere kurze Schrift von ihm auf Französisch heraus, La renaissance de l'agriculture. Damals nannte er seinen Ansatz noch sukzessionale Agroforstwirtschaft. Der größte Teil seiner Lehre war immer mündlich: Kurse, Vorträge, Beratungen und gemeinsame Tage im Feld.

Was daraus wurde

In den letzten zwei Jahrzehnten hat sich die Methode weit über Bahia hinaus verbreitet. Eine von Swissinfo 2023 zitierte akademische Arbeit zählte für die Jahre 1993 bis 2018 über 4.000 Landwirte, rund 3.500 Familien und knapp 2.000 weitere Personen, die seine Methode aufgegriffen hatten; Götsch selbst schätzt über 10.000. Agenda Götsch trägt das Wissen mit Filmen weiter, darunter der Kurzfilm Life in Syntropy, gedreht für die Klimakonferenz in Paris 2015. Anwender arbeiten in Brasilien, Portugal, Spanien, auf Hawaii und in Suriname, und im Salento in Süditalien ist ein syntropischer Hof von neun Hektar entstanden. Die Syntropie ist damit im Mittelmeerraum angekommen, in einem Klima, das sich von dem ihrer Entstehung stark unterscheidet.

Was wir von Ernst Götsch lernen

Terra Humana verdankt Ernst Götsch den wichtigsten Perspektivwechsel unserer Pflanzarbeit: Wir pflanzen keine einzelnen Bäume, wir pflanzen eine Abfolge. An den Hängen von Sa Medada sollen zuerst robuste Pioniere und Ammenbäume wachsen, und in ihrem Schutz sollen die anspruchsvolleren Obst- und Holzbäume folgen. Die Idee des Waldgartens, in Stockwerken und in der Zeit gedacht, ruht auf demselben Fundament.

Von ihm übernehmen wir auch die Gewohnheit, das Land zu lesen, statt es zu korrigieren: Ein Unkraut zeigt, was dem Boden fehlt, nackte Erde zeigt, wo Bedeckung nötig ist. Und wir übernehmen seine Haltung zu Regeln: genau, aber nie ein Rezept. Götsch entwickelte seine Methode im feuchten Bahia, in der Ogliastra ist der Sommer lang und trocken. Darum wollen wir dann schneiden, wenn der Niederschlag die Verdunstung übersteigt, im Winter und Frühjahr, und im Sommer jeden Schatten stehen lassen. Das ist keine Abkehr von seiner Lehre, sondern ihre Anwendung: vom Prinzip ausgehen und dann beobachten, was genau dieser Ort braucht.

Häufige Fragen

Wer ist Ernst Götsch?

Ernst Götsch ist ein Schweizer Landwirt und Forscher, geboren 1948 in Raperswilen im Kanton Thurgau. 1982 zog er mit seiner Familie in den Süden des brasilianischen Bundesstaats Bahia und machte dort eine ausgelaugte frühere Kakaofarm wieder zu Wald. Aus dieser Arbeit entstand die syntropische Landwirtschaft, eine Form des Anbaus, die Nahrung erzeugt, indem sie die natürliche Entwicklung eines Waldes nachahmt und beschleunigt.

Was ist syntropische Landwirtschaft?

Die syntropische Landwirtschaft pflanzt viele Arten gemeinsam, geordnet nach Höhe und nach Lebensdauer, von schnellen Pionieren bis zu langlebigen Bäumen. Regelmäßiger kräftiger Rückschnitt bringt das Schnittgut als Mulch auf den Boden, nährt das Bodenleben und regt neues Wachstum an. Ziel ist ein System, das jedes Jahr fruchtbarer und vielfältiger wird, ohne zugekauften Dünger. Götsch nannte seinen Ansatz zunächst sukzessionale Agroforstwirtschaft, der Name Syntropie kam später.

Was ist die Fazenda Olhos d'Água?

Es ist der Hof in Piraí do Norte im Süden Bahias, auf dem Götsch seit 1982 arbeitet. Nach brasilianischen Berichten hieß er früher Fugidos da Terra Seca, sinngemäß „die vor dem trockenen Land Geflohenen“: abgeholztes und aufgegebenes Land. Nachdem Götsch Anfang der 1990er Jahre den Anteil seines Partners übernommen hatte, benannte er ihn in Olhos d'Água um, was sich auf die Quellen des Geländes bezieht. Heute kommen Menschen aus vielen Ländern dorthin, um zu lernen.

Hat Ernst Götsch Bücher geschrieben?

Sein bekanntester Text ist die Schrift Homem e Natureza: Cultura na Agricultura, im Januar 1995 vom Centro Sabiá in Recife herausgegeben, nach einem Besuch bei Bauern in Pernambuco. Eine weitere kurze Schrift auf Französisch, La renaissance de l'agriculture, erschien 1996 bei AS-PTA in Rio de Janeiro. Den größten Teil seiner Lehre gibt er in Kursen, Vorträgen, Feldtagen und über die Filme von Agenda Götsch weiter, darunter der Kurzfilm Life in Syntropy, gedreht für die Klimakonferenz in Paris 2015.

Wie verbreitet ist seine Methode?

Eine von Swissinfo 2023 zitierte akademische Arbeit zählte für die Jahre 1993 bis 2018 über 4.000 Landwirte, rund 3.500 Familien und knapp 2.000 weitere Personen, die durch Kurse und Vorträge seine Methode aufgegriffen hatten. Götsch selbst schätzt über 10.000. Anwender arbeiten in Brasilien, Portugal, Spanien, auf Hawaii und in Suriname, und im Salento in Süditalien besteht ein syntropischer Hof von neun Hektar.

Junge Bäume und Sträucher auf einer gemulchten Fläche inmitten kahler WüstenlandschaftNächster in dieser ThemenweltGeoff LawtonIn England geborener australischer Permakultur-Planer und Lehrer, Jahrgang 1954, bekannt für Greening the Desert in Jordanien und die Heilung trockenen Landes.

Verwandte Begriffe

Erwähnt auf

Quellen

  • Agenda Götsch, Ernst Götsch, Biografie und Geschichte der Arbeit, agendagotsch.com (abgerufen Oktober 2026)
  • Believe.Earth, I. de Oliveira, Bericht über Ernst Götsch und die Fazenda Olhos d'Água (abgerufen Oktober 2026)
  • Swissinfo, Swiss agronomist turns monoculture into organic farming (27. Juli 2023)
  • Götsch, E., Homem e Natureza: Cultura na Agricultura, Centro Sabiá, Recife, 1. Auflage Januar 1995, 2. Auflage September 1997
  • Götsch, E., La renaissance de l'agriculture, übersetzt von P. Vaz, AS-PTA, Rio de Janeiro (1996)
  • FAO Agroecology Knowledge Hub, Life in Syntropy, Kurzfilm von Agenda Götsch (2015)
  • Wikipedia, Ernst Götsch (nur als Wegweiser zu Primärquellen, abgerufen Oktober 2026)

Zuletzt aktualisiert: 2026-10-14