Kurz gesagt
Transhumanz ist der jahreszeitliche Zug von Herden mit ihren Hirten zwischen Weidegebieten in verschiedenen Höhen oder Klimazonen, meist im Frühjahr und Herbst.
Was ist Transhumanz?
Transhumanz ist der jahreszeitliche Zug von Herden zwischen Weidegebieten, die in verschiedenen Höhen oder Klimazonen liegen. Im Frühjahr und im Herbst führen Hirten ihre Schafe, Ziegen oder Rinder auf überlieferten Wegen von einem Gebiet ins andere, zu Fuß oder zu Pferd, oft mit Hunden und manchmal mit ihren Familien.
Der Grund für die Wanderung liegt im Klima. Im Mittelmeerklima wächst das Gras in den Ebenen vor allem im feuchten Winterhalbjahr, während der Sommer die Weiden ausdörrt. In den Bergen ist es umgekehrt: Dort liegt im Winter Schnee, im Sommer aber wächst frisches Futter. Wer seine Herde zwischen beiden Räumen bewegt, findet das ganze Jahr über Weide, ohne Heu für Monate lagern zu müssen. Die Transhumanz folgt damit einem festen Jahreslauf zwischen zwei Heimaten.
Die Treccani, die große italienische Enzyklopädie, beschreibt die Transhumanz als jahreszeitliche Wanderungen über weite Räume und mit deutlichem Höhenunterschied, verbreitet in den Gebirgsländern rund um das Mittelmeer, von Spanien bis Kleinasien. In Italien zogen die Herden im Sommer auf die Weiden der Abruzzen und der angrenzenden Bergländer. Im September stiegen sie zu den Winterweiden der Maremma, der römischen Campagna und des Tavoliere in Apulien ab und kehrten im Juni in die Berge zurück. In den südlichen Alpen führte der Weg von den Voralpen hinauf auf die Almen der Lombardei und des Piemont.
Wege, Regeln und Hirtenwissen
Wo Herden jedes Jahr dieselbe Strecke ziehen, entstehen Wege. In Süditalien heißen sie tratturi: breite Pfade mit Naturboden, ausgetreten von den Herden selbst, die vom Gebiet um L'Aquila und den samnitischen Bergweiden bis in die apulische Ebene führten. Ihre Breite entsprach in der Regel 60 neapolitanischen Schritten, rund 111 Metern, genug Raum für Tausende Tiere und für das Weiden unterwegs. In Sizilien heißen solche Wege trazzere. Bevor Lastwagen den Großteil der Wanderung übernahmen, liefen die Tiere den ganzen Weg auf diesen Pfaden.
Die Wege hatten ihre Ordnung. Im Königreich Neapel regelte die Dogana delle Pecore, die Schafzollbehörde in Foggia, die Transhumanz ausschließlich und in eigener Gerichtsbarkeit, von der Zeit der Aragonesen bis in das französische Jahrzehnt zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Etwa vier Jahrhunderte lang verwaltete sie die staatlichen Weiden des Tavoliere. Ihre Akten aus den Jahren 1536 bis 1806 liegen heute im Staatsarchiv Foggia.
Hinter den Wegen steht Wissen, das kaum aufgeschrieben wurde: wann eine Weide reif ist, wo Wasser zu finden ist, wie Tiere gehalten, gezüchtet und geführt werden. Dieses Wissen wurde in Familien und Wegegemeinschaften weitergegeben. Um die Wanderungen herum wuchs eine eigene Kultur aus Speisen, Handwerk und Festen, die Beginn und Ende der Weidezeit markieren.
Ein Erbe der Menschheit
Im Dezember 2019 nahm die UNESCO die Transhumanz in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit auf. Italien hatte die Kandidatur 2018 gemeinsam mit Griechenland und Österreich begonnen. 2023 wurde die Transhumanz erneut eingetragen, nun unter dem Titel Transhumance, the seasonal droving of livestock und als gemeinsamer Vorschlag von zehn Ländern: Albanien, Andorra, Österreich, Kroatien, Frankreich, Griechenland, Italien, Luxemburg, Rumänien und Spanien.
Der Beschluss von 2023 beschreibt die Praxis als Wanderung von Hirten mit ihren Tieren zwischen geografischen oder klimatischen Räumen, meist im Frühjahr und im Herbst, entlang überlieferter Hirtenpfade. Nach den Angaben der antragstellenden Länder kommt sie Ökosystemen zugute, erhält örtliche Nutztierrassen und verbessert Bodenfruchtbarkeit und Artenvielfalt. Das sind Aussagen der Kandidatur, keine Messergebnisse; sie zeigen aber, dass die Transhumanz heute auch als Teil der Landschaftspflege verstanden wird.
Sardinien, eine Insel der Hirten
Auf Sardinien gehört die Schafhaltung zur Gestalt der Insel. Ende 2024 standen hier rund 2,7 Millionen Schafe, knapp die Hälfte aller Schafe Italiens, verteilt auf etwa 15.000 Betriebe. Eine sardische Herde ist im Durchschnitt mehr als dreimal so groß wie im nationalen Mittel. Aus der Milch entsteht Käse, darunter der Pecorino Romano DOP, dessen Erzeugungsgebiet Sardinien, das Latium und die Provinz Grosseto umfasst.
Lange war die Weidewirtschaft auch hier eine Wirtschaft der Wanderung. Eine anthropologische Studie verfolgte 2018 die Spuren der Transhumanz in den Familiennamen. Sie untersuchte fünf Dörfer der Barbagia di Belvì im Gebirge, Aritzo, Belvì, Desulo, Gadoni und Tonara, ein traditionelles Gebiet der Schafhaltung und Ausgangspunkt der Herdenzüge in die Ebenen. Die Transhumanz verlief dort jedes Jahr auf festen Wegen von den Hirtengebieten im Gebirge in die Ackerebenen. Die Namen zeigen eine deutliche Vermischung zwischen den Bergdörfern im Inselinneren und Dörfern der Ebenen im Süden: Die Wege der Herden waren auch Wege der Familien.
Die Weide selbst war lange gemeinsames Gut. Die Bewohner eines Dorfes hatten das überlieferte Recht, auf dem Land ihres Gemeindegebiets Tiere zu weiden, Holz zu schlagen und Eicheln zu sammeln; auf Sardinien hieß dieses Recht ademprivio. Mit dem Edikt über die Einhegungen vom 6. Oktober 1820 durften Eigentümer Land einzäunen, das nicht mit solchen Rechten belastet war, und wer dort geweidet hatte, verlor oft den Zugang. Diese Geschichte erzählt der Artikel über die Allmende.
Was die Herden in der Landschaft bewirken
Viele Landschaften, die heute als typisch mediterran gelten, sind beweidete Landschaften. Die Weidewälder aus Korkeiche und Steineiche, die das silvopastorale System beschreibt, sind von Menschen und Herden geformte Landschaften. Die Tiere halten die Strauchschicht niedrig und das Gelände offen, verteilen Dung und tragen Samen weiter.
Besonders deutlich zeigt sich die Wirkung beim Feuer. Eine Übersichtsarbeit unter Leitung von Francisco Moreira kommt zu dem Schluss, dass der gesellschaftliche und wirtschaftliche Wandel in Südeuropa die Landbedeckung zu höherer Brandgefahr verschoben hat. Felder und Weiden wurden aufgegeben, Sträucher und junger Wald wuchsen darüber, und Brennstoff, den früher Ackerbau, Beweidung und Holzschlag unterbrochen hatten, wurde durchgehend. Das Ende der Weidewirtschaft berührt damit auch die Frage der brandresilienten Landschaft.
Andalusien nutzt diese Wirkung gezielt. Seit 2005 bezahlt die Regionalregierung Hirten dafür, Brandschneisen in öffentlichen Wäldern abzuweiden. Eine Studie von Elsa Varela und Kollegen zählte 2018 rund 220 Hirten, die fast 6.000 Hektar Brandschneisen offen hielten, und bewertete das Verfahren als effizienter als die Räumung mit Maschinen. Auf Sardinien fand eine Modellstudie der Universität Sassari, dass Waldweide die simulierte Ausdehnung von Bränden deutlich verringerte, in nassen, mittleren und trockenen Jahren in unterschiedlichem Maß. Eine europäische Studie von Damianidis und Kollegen verglich die Brände der Jahre 2008 bis 2017 mit der Landnutzung: Agroforstflächen, viele davon beweidet, machten 12 Prozent der Fläche aus, waren aber nur mit 6 Prozent der Brände verbunden; Strauchland machte 16 Prozent aus und 41 Prozent der Brände. Die Autoren nennen die Beweidung als Hauptgrund. Das sind Zusammenhänge, keine Beweise für Ursachen.
Wenn Beweidung schadet
Dieselben Tiere, die eine Landschaft offen halten, können sie auch kahl fressen. Die amtliche Landschaftsuntersuchung der Ogliastra hält fest, dass die Bestandsdichten im vergangenen Jahrhundert stark gestiegen sind. Sie nennt Überweidung, zusammen mit Feuer und ungeeigneter Bodenbearbeitung, unter den Gründen, aus denen viel der ursprünglichen Bestände aus Kork- und Steineiche verloren ging, und empfiehlt, die Herden zu verkleinern und die Beweidung zu regeln. Wo der Wald verschwand, steht heute vielfach Macchie, die dieselbe Untersuchung als Abbaustufe des früheren Eichenwaldes beschreibt.
Der Unterschied liegt in Zahl, Zeitpunkt und Dauer. Eine Herde, die im Sommer auf ausgedörrter Weide bleibt, nimmt die letzte Bodendecke und überlässt den Boden dem ersten Starkregen. Hufe auf nassem Boden verdichten ihn. Junge Bäume überleben keinen dauernden Verbiss, und wo Eichen sich verjüngen sollen, muss der Weidedruck über Jahre gering bleiben. Eine Auswertung von Weideversuchen durch Briske und Kollegen fand 2008, dass die Zahl der Tiere und das Wetter mehr über den Zustand einer Weide entschieden als das gewählte Weidesystem. Die Transhumanz hatte dafür eine eigene Antwort: Sie nahm die Tiere von einer Weide, bevor diese erschöpft war. Wie sich dieses Prinzip auf kleinere Flächen übertragen lässt, beschreibt der Artikel über gelenkte Beweidung.
Wie Terra Humana die Transhumanz versteht
Für Terra Humana zeigt die Transhumanz, dass eine mediterrane Landschaft nicht ohne den Menschen zu denken ist, der sie nutzt. Die Weidewälder Sardiniens, die offenen Hänge und die Wege zwischen Berg und Ebene sind das Werk von Hirten über viele Generationen. Renaturierung auf dieser Insel heißt deshalb, die Beweidung als landschaftsbildende Kraft ernst zu nehmen, ohne ihre Schäden zu übersehen. Die Landschaftsuntersuchung der Ogliastra benennt beides, und wir nehmen beide Hälften ernst: das Offenhalten der Landschaft und die Verluste durch zu viele Tiere.
Sa Medada
So sieht das bei uns aus
Sa Medada ist ein Hang in Jerzu, in der Ogliastra auf der Ostseite Sardiniens, einer Insel, die von Hirten geprägt ist. Knapp 2.000 der 18.725 Quadratmeter führt das Kataster als pascolo arborato, als baumbestandene Weide, der Rest ist Olivenhain; an den steileren Hängen wächst Macchie. Die amtliche Landschaftsuntersuchung der Ogliastra nennt Feuer, Überweidung und ungeeignete Bodenbearbeitung unter den Gründen, aus denen viel der ursprünglichen Eichenbestände des Bezirks verloren ging. Diese Seite beschreibt eine Überlieferung der Region; sie berichtet nicht von einer Praxis auf dem Land.
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Was ist Transhumanz?
Transhumanz ist der jahreszeitliche Zug von Herden zwischen Weidegebieten, die in verschiedenen Höhen oder Klimazonen liegen. Hirten führen Schafe, Ziegen oder Rinder im Frühjahr und im Herbst auf überlieferten Wegen von einem Gebiet ins andere, zu Fuß oder zu Pferd, oft mit Hunden. Im Mittelmeerraum verbinden die Wege meist Sommerweiden im Gebirge mit Winterweiden in den Ebenen. Die Herden folgen dem Futter, das die Jahreszeiten an verschiedenen Orten wachsen lassen.
Seit wann ist die Transhumanz UNESCO-Kulturerbe?
Seit 2019. Italien, Griechenland und Österreich hatten die Kandidatur 2018 begonnen, und im Dezember 2019 nahm die UNESCO die Transhumanz in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit auf. 2023 wurde sie erneut eingetragen, nun als gemeinsamer Vorschlag von zehn Ländern: Albanien, Andorra, Österreich, Kroatien, Frankreich, Griechenland, Italien, Luxemburg, Rumänien und Spanien.
Was sind tratturi?
Tratturi heißen in Süditalien die breiten Herdenwege mit Naturboden, auf denen die Schafe zwischen den Bergweiden der Abruzzen und des samnitischen Apennins und den Winterweiden der apulischen Ebene zogen. Ihre Breite entsprach in der Regel 60 neapolitanischen Schritten, rund 111 Metern. Für etwa vier Jahrhunderte, von der Zeit der Aragonesen bis ins frühe 19. Jahrhundert, regelte die Dogana delle Pecore in Foggia die Transhumanz im Königreich Neapel. In Sizilien heißen solche Wege trazzere.
Welche Rolle spielt die Transhumanz auf Sardinien?
Sardinien ist eine Insel der Schafe. Ende 2024 standen hier rund 2,7 Millionen Schafe, knapp die Hälfte aller Schafe Italiens, auf etwa 15.000 Betrieben. Lange zogen die Herden jedes Jahr auf festen Wegen von den Hirtengebieten im Gebirge in die Ackerebenen hinab, etwa aus der Barbagia di Belvì im Inselinneren. Aus der Schafmilch entsteht Käse, darunter der Pecorino Romano DOP, dessen Erzeugungsgebiet Sardinien, das Latium und die Provinz Grosseto umfasst.
Schützt Beweidung vor Waldbränden?
Sie kann helfen. Herden fressen einen Teil der trockenen Gras- und Strauchschicht, die ein Feuer am Boden weiterträgt. In Andalusien werden Hirten seit 2005 dafür bezahlt, Brandschneisen abzuweiden; eine Studie zählte 2018 etwa 220 Hirten auf fast 6.000 Hektar. Eine Modellstudie der Universität Sassari fand, dass Waldweide die simulierte Brandfläche auf Sardinien deutlich verringerte. Wie jede Brandvorsorge wirkt sie auf der Ebene einer ganzen Landschaft, nicht auf einer einzelnen Parzelle.
Kann Beweidung der Landschaft auch schaden?
Ja. Die amtliche Landschaftsuntersuchung der Ogliastra nennt Überweidung neben Feuer und ungeeigneter Bodenbearbeitung unter den Gründen, aus denen viel der ursprünglichen Kork- und Steineichenbestände verloren ging, und empfiehlt, Herden zu verkleinern und die Beweidung zu regeln. Zu viele Tiere zu lange auf derselben Fläche entblößen den Boden. Nicht die Beweidung an sich entscheidet, sondern wie viele Tiere wann und wie lange weiden.

Verwandte Begriffe






In der Praxis erleben
Quellen
- UNESCO, Transhumance, the seasonal droving of livestock, Representative List of the Intangible Cultural Heritage of Humanity, Element 01964, Beschluss 18.COM 8.B.14 (2023), mit Verweis auf den Beschluss 14.COM 10.b.2 (2019)
- ANSA, Transhumance wins UNESCO status (11. Dezember 2019)
- Treccani, Enciclopedia, transumanza, treccani.it (abgerufen Oktober 2026)
- Treccani, Enciclopedia, tratturo, treccani.it (abgerufen Oktober 2026)
- Ministero della Cultura, Archivio di Stato di Foggia, Bestand Dogana delle Pecore di Foggia (1536 bis 1806), cultura.gov.it (abgerufen Oktober 2026)
- Orrù, A., De Iasio, S., Frederic, P., Girotti, M., Boano, R. und Sanna, E., Spatial diffusion of surnames by long transhumance routes between highland and lowland: A study in Sardinia, HOMO 69(3), S. 127 bis 138 (2018)
- Banca Dati Nazionale dell'anagrafe zootecnica, Ministero della Salute, Tierbestände zum 31. Dezember 2024
- Disciplinare di produzione della denominazione di origine protetta Pecorino Romano, Erzeugungsgebiet
- Segretariato Regionale MiC per la Sardegna, Atlante dei Paesaggi della Sardegna, Makroeinheit Ogliastra
- Treccani, Vocabolario, ademprivio, treccani.it (abgerufen Oktober 2026)
- Regio editto sopra le chiudende, Königreich Sardinien (6. Oktober 1820)
- Moreira, F. et al., Landscape and wildfire interactions in southern Europe: implications for landscape management, Journal of Environmental Management 92, S. 2389 bis 2402 (2011)
- Varela, E. et al., Payment for targeted grazing: integrating local shepherds into wildfire prevention, Forests 9(8), 464 (2018)
- Lovreglio, R., Lovreglio, J., Satta, G.G.A., Mura, M. und Pulina, A., Assessing the role of forest grazing in reducing fire severity: a mitigation strategy, Fire 7(11), 409 (2024)
- Damianidis, C. et al., Agroforestry as a sustainable land use option to reduce wildfires risk in European Mediterranean areas, Agroforestry Systems 95, S. 919 bis 929 (2021)
- Briske, D.D. et al., Rotational grazing on rangelands: reconciliation of perception and experimental evidence, Rangeland Ecology & Management 61(1), S. 3 bis 17 (2008)
Zuletzt aktualisiert: 2026-10-20
